Ein im doppelten Sinne bedrückender Ausflug nach Vogelsang

38 Grad Hitze und eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit begleiteten 58 tapfere Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs sowie deren drei Klassenleitungen Fr. Bola, Fr. Kern und Hr. Weber zur Tagesexkursion am 25. Juni 2026 nach Vogelsang.

Was sich nach einem Tagesausflug in die Natur und nach Ornithologie (Vogelkunde) anhört, stimmt nur für den ersten Teil.

Vogelsang liegt zwar in der Eifel und bietet eine atemberaubende Aussicht auf die Eifel und die dazugehörigen Seen, ist jedoch alles andere als ein harmloser Ort in der Natur. Vogelsang steht vielmehr für die unselige NS-Zeit und dem mörderischen Irrglauben an die Auserwähltheit der germanischen Herrenrasse.

Um ihre beabsichtigte Verwaltungselite im Sinne der NS-Weltanschauung ideologisch und „rassekundlich“ besser indoktrinieren zu können, planten die Nationalsozialisten sogenannte NS-Ordensburgen und setzten dieses Vorhaben dann auch schnell um.

Im damaligen Deutschen Reich wurden in der Folge drei Ordensburgen gebaut, neben Vogelsang noch die Ordensburg Krössinsee in Pommern (heutiges Polen) sowie die Ordensburg in Sonthofen (Allgäu). Wie leicht zu erkennen ist, sollte das Dritte Reich geographisch durch die Ordensburgen gut abgedeckt sein.

Der Bau von Vogelsang wurde 1934 beschlossen und innerhalb von zwei Jahren, wie sich das für Diktaturen gehört, ohne Rücksicht auf Verluste hochgezogen.

Wesenskern aller Diktaturen ist in deren Architektur die Gigantomanie.

Nichts anderes erlebten wir in Vogelsang. Überdimensionierte Verwaltungsgebäude, strategisch auf einer Anhöhe erbaut und immer mit dem Ziel, dem Menschen seine Nichtigkeit im Angesicht der Größe der NS-Bewegung zu demonstrieren.

Faschistische Architektur lässt sich überspitzt auf die Formel „nicht kleckern, sondern klotzen“ komprimieren. Da mutet es schon fast als schlechter Witz an, dass der verantwortliche Architekt Clemens Klotz hieß. Nomen est omen.

Die Ordensburg Vogelsang köderte die Anwärter, die dann dort Junker genannt wurden, mit dem Versprechen, dass sie nach dem Abschluss ihrer Ausbildung jedes Verwaltungsamt im Deutschen Reich bekleiden könnten.

Dementsprechend gab es viele Bewerber und es wurden dann die im Sinne der NS-Weltanschauung passendsten Bewerber ausgewählt.

Wer oder was wurde aber in Vogelsang im Sinne der NS-Rassenideologie ausgewählt und dann dementsprechend gedrillt? Wir erfuhren von unserem Museumsführer, dass Vogelsang zuerst einmal für Männer bestimmt war. Frauen hatten in der NS-Ideologie zu gebären, dem Mann den Rücken freizuhalten und die Kinder im „Deutschen Geiste“ zu erziehen. Politisch hatten sie nichts zu melden.

Die für Vogelsang auserwählten Männer mussten jung, Parteimitglieder schon vor 1933 und „arisch“ sein. Es wurde verlangt, dass ihr Stammbaum bis 1800 frei von „fremdvölkischen“ (NS-Chiffre für „judenfrei“) Vorfahren sein musste. Ferner mussten die Anwärter für Vogelsang kerngesund und sportlich sein. Intelligenz war keine Voraussetzung, denn die Nazis waren in großen Teilen antiintellektuell. Und schließlich mussten die Bewerber auch schon verheiratet sein. Die nun ausgewählten jungen Männer, sie waren maximal 25 Jahre alt, Mitglieder der NSDAP und somit schon weltanschaulich eingestimmt auf die NS-Rassenideologie. Das führte folgerichtig dazu, dass sie stets bereit waren, den Befehlen ihrer Führer allzeit gehorsam gegenüber zu sein.

Wohin das Ganze führen sollte, hatte der oberste Verbrecher Adolf Hitler schon 1935 auf dem Nürnberger Reichsparteitag vor 50.000 Hitlerjungen unmissverständlich kundgetan:

„(…) Wir müssen einen neuen Menschen erziehen. In unseren Augen muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl sein. Wir müssen euch erziehen zu Männern, die in der Treue nicht wanken und in der Hingabe nicht erlahmen. (…) Ihr müsst lernen, hart zu sein, Entbehrungen auf euch zu nehmen, ohne jemals zusammenzubrechen.“ (…)

Wir erfuhren weiter, dass gemäß der nationalsozialistischen Ideologie, „du bist nichts, dein Volk ist alles“ die ganze Einrichtung auf das Kollektiv ausgerichtet war. Die zukünftigen Herrenmenschen verbrachten den ganzen Tag in der Gruppe, Privatsphäre gab es nicht. An den Reaktionen der Schüler und Schülerinnen konnte man schön erkennen, was sie davon hielten.

Die damaligen Volksgenossen hatten als zukünftige Herrenmenschen jedoch alle Stationen der nationalsozialistischen Jugendorganisationen durchlaufen und durch die Dauerpropaganda des kleinen Giftzwergs Goebbels schon verinnerlicht, dass „Gemeinnutz vor Eigennutz“ geht.

Dementsprechend war Vogelsang als Großinternat bzw. Kaserne konzipiert. Frühsport, dann Fahnenappell, Frühstück im großen Gemeinschaftsraum, sportliche Betätigung und Wettkämpfe mit der Mannschaft, geopolitische und „rassenkundliche“ Indoktrination in der Gruppe, zwischendurch Mittagessen im großen Gemeinschaftsraum, dann wieder sportliche Betätigung und Wettkämpfe in der Gruppe usw.

Zapfenstreich war um 22 Uhr, geschlafen wurde natürlich im großen Schlafsaal mit den anderen Kameraden. Auch geduscht wurde gemeinsam, nur auf der Toilette war man für sich und ungestört. Der einzelne Junker war also praktisch nie alleine, sondern permanent mit anderen zusammen. Unsere Schülergruppe quittierte das Gehörte mit einem ungläubigen Kopfschütteln, empörte Kommentare folgten.

Um die damalige Zeit und Jugend besser zu verstehen ist ein kleiner Exkurs in die Herrschaftstechniken des Nationalsozialismus vonnöten.

Am 12. Dezember hielt Hitler im annektierten Sudetenland seine berüchtigte Reichenberger Rede. In dieser Rede wird sehr deutlich, dass es den Nationalsozialisten um die komplette Erfassung und Indoktrination der Jugend ging:

(…) „und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen (…), dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir Sie erst recht nicht zurück (…), sondern dann nehmen wir Sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter. (…)  Und was dann (…) noch an Klassen- und Standesdünkel (…) vorhanden sein sollte, das übernimmt die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre, und wenn sie nach zwei, drei oder vier Jahren zurückkehren, nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben und sie sind glücklich dabei.“

Tatsächlich waren die Bewerber für die Ordensburg Vogelsang schon ihre ganze Jugend durch nationalsozialistische Organisationen seelisch und geistig verseucht worden.

Das Ende der Geschichte ist, dass viele Absolventen von Vogelsang ihre erstrebte höhere Verwaltungslaufbahn antreten konnten – und zwar in den von Deutschland eroberten „Ostgebieten“. Dort waren sie dann im im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete als zivile Verwaltungsbeamte tätig und in die Ermordung der jüdischen und osteuropäischen Zivilbevölkerung verstrickt.

Die Ordensburg Vogelsang wurde mit dem deutschen Überfall auf Polen abgewickelt.

Die Junker wurden zur Wehrmacht eingezogen. Die Wehrmacht übernahm die komplette Einrichtung und nutzte das Gelände für militärische Zwecke.

Auf dem Rückweg sah man nachdenkliche, schwitzende und nach Atem ringende Schüler und Schülerinnen. Viele rannten schnurstracks zu dem wartenden Bus.

Schwer zu beurteilen, was den Jugendlichen mehr zugesetzt hat, die brutale Hitze des Tages mit ihrer unfassbaren Luftfeuchtigkeit oder die noch brutalere Geschichtslektion in nationalsozialistischem Rassenwahn und der damit einhergehenden Pervertierung jeder menschlichen Ethik.

Wir möchten an dieser Stelle unbedingt der Hans-Lamers-Stiftung ganz herzlich für die großzügige Spende danken.

Ohne die Unterstützung der Hans-Lamers-Stiftung wäre die Exkursion nach Vogelsang für uns absolut nicht möglich gewesen!