Kursfahrt nach Weimar und Besuch der Gedenkstätte Buchenwald

4.30 Uhr, 4.45 Uhr, 5 Uhr. Überall klingeln zu dieser unchristlichen Zeit die Wecker in Jülich und Umgebung. Noch träumende und müde Schüler und Schülerinnen quälen sich aus ihren warmen und kuscheligen Betten, denn sie wissen, heute darf niemand zu spät kommen! Es ist ein früher Montagmorgen und gleich geht es für sie zur lang ersehnten Kursfahrt nach Weimar und zur Gedenkstätte Buchenwald. Treffpunkt ist schon um 6 Uhr am Dürener Bahnhof. Werden auch alle pünktlich in aller Herrgottsfrühe da sein? Ja klar! Alle sind da, voller Spannung und guter Dinge. Die Bahn ist tatsächlich pünktlich und auch der Umstieg in Köln verläuft reibungslos. Und kaum zu glauben, aber wahr: alle anderen Umstiege klappen ebenfalls wie am Schnürchen.

Wir kommen fast zielgenau in Weimar an, nach einer Fahrt von mehr als acht Stunden. Danke und nochmals Danke an die sonst so viel gescholtene Deutsche Bahn. Schnell sind wir in Weimar zu Fuß zu unserem Hostel gelaufen. Und jetzt sind alle lebensmüden Geister endgültig erwacht. Daher fahren wir, nachdem wir uns kurz akklimatisiert haben, direkt mit dem Bus in die Stadt, um diese zu erkundigen. Wir sind verblüfft und angenehm überrascht, denn Weimar ist ein Kleinod unter den deutschen Städten und überall begegnet uns die Deutsche Geschichte Die Stadt ist selbst ist relativ klein, dafür aber fein und alles ist für uns fußläufig sehr gut erreichbar.

Nachdem wir uns einen ersten Eindruck verschafft haben, geht es zurück ins Hostel. Auch die wackersten unserer Gruppe versinken bald in Morpheus Armen und schlummern den Schlaf der Gerechten.

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus, der nur stündlich vom Bahnhof zur Gedenkstätte verkehrt, nach Buchenwald. Dort werden wir schon von unserer Gedenkstättenführerin erwartet und zu einem Seminarraum begleitet. Wir erhalten eine erste Einweisung in die Gedenkstätte und erarbeiten mit unserer Gedenkstättenbegleitung, welche vielfältige Bedeutung dieses ehemalige Konzentrationslager hat.

Buchenwald war ein nationalsozialistisches Konzentrationslager, wurde aber direkt nach dem Krieg, trotz dieser schrecklichen Vergangenheit, von der sowjetischen Besatzungsmacht als Speziallager Nummer 2 bis 1950 weitergenutzt. In diesem Speziallager Nummer 2 wurden tatsächliche Faschisten und Kriegsverbrecher gefangen gehalten. Es wurden jedoch auch viele politische Gegner des Sowjetsystems ohne Rechtsgrundlage inhaftiert. 1958 errichtete die DDR auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald eine nationale Mahn- und Gedenkstätte. Diese Mahn- und Gedenkstäte wurde 1991 – nach der Wiedervereinigung – neugestaltet.

Was trotz allem nicht vergessen werden darf: Buchenwald ist, wie alle Konzentrationslager, heute zuerst einmal ein sehr großer Friedhof, auf dem Überlebende und Angehörige um ihre Liebsten trauern und der vielen Opfer gedenken.

Nach einer längeren Pause erhielten wir im Anschluss unsere erste Führung über das sehr weitläufige Gelände. Buchenwald war eines der ersten Konzentrationslager im Deutschen Reich. Ungefähr 277.000 Häftlinge, darunter viele politische Gefangene, wurden hier auf engstem Raum eingepfercht, gequält und bestialisch gefoltert. Mehr als 56.000 Menschen überlebten diese Marter nicht oder wurden kaltblütig ermordet. Während des Krieges wurden 8.000 sowjetische Kriegsgefangene, ohne mit der Wimper zu zucken, von den Mordkommandos der SS eiskalt per Genickschuss von hinten erschossen.

Buchenwald wurde schließlich am 11. April 1945 – kurz vor dem Eintreffen der US-amerikanischen Truppen – von den Häftlingen selbst befreit.

Bei unserem zweiten Besuchstag am Mittwoch in Buchenwald trafen wir unsere Leiterin ca. 5 Kilometer vor dem eigentlichen Hauptlager. Sie ging mit uns einen Teil des Weges, den die Gefangenen von der damals eigens angelegten Bahnstation bis zum Hauptlager – unter sehr widrigen Bedingungen und bei Wind und Wetter – gehen mussten. Der heutige Weg ist zu einem Gedenkweg ausgebaut worden und unterwegs sind die Namen der zu Tode gekommenen Menschen, darunter auch Frauen und Kinder, auf kleinen Steinen eingraviert. Diese Arbeit ist noch nicht zum Abschluss gekommen, da es sich um eine hohe Opferzahl handelt.

Freiwillige aus aller Welt kommen, primär in den Sommermonaten nach Buchenwald, um ehrenamtlich und mit großer Akribie und Leidenschaft diese wichtigen Gedenkarbeit zu leisten.

Als wir nach diesem beeindruckenden und bedrückenden „Weg der Gefangenen“ im Hauptlager ankamen, wurden wir in das Krematorium geführt. Dort sollten nur die Personen reingehen, die sich der mentalen und psychischen Belastung gewachsen fühlten.

Im Krematorium konnten wir die Öfen sehen, in denen die Toten verbrannt wurden.

An dieser Stelle möchten wir, um die Würde der Toten zu achten und die Psyche der Lebenden nicht weiter zu belasten, keine weiteren Details dieser Hölle auf Erden nennen.

Wir haben uns während unserer Vorbereitung auf Buchenwald viel mit dem Schicksal von Rudolf Schwarz, einem Jülicher Juden, beschäftigt. Die Familie von Rudolf Schwarz besaß in Jülich in der Schloßstraße 6 ein Textilgeschäft. Aufgrund der Verfolgung und Drangsalierung musste die Familie ihr Geschäft 1938 aufgegeben.

Im selben Jahr wurde Rudolf Schwarz als sog. „Schutzhäftling“ nach Buchenwald deportiert. Dort kam er aufgrund der unmenschlichen Haftbedingungen 1941 zu Tode.

Durch unsere detaillierten Angaben konnten die Buchenwaldmitarbeiterinnen die Stelle, wo Rudolf Schwarz mutmaßlich mit vielen anderen Menschen begraben wurde, uns zeigen. Unsere Schüler und Schülerinnen legten am Grab von Rudolf Schwarz Blumen nieder und verweilten dort längere Zeit sehr nachdenklich.

Buchenwald wurde kurz vor dem Eintreffen der US Army von den Gefangenen selbst befreit. Der Großteil der SS-Wachmannschaft war am 11. April, 1945 schon geflüchtet und die restlichen Wärter wollten die übriggebliebenen Gefangenen ebenfalls auf einen Todesmarsch Richtung Westen zwingen. Die Gefangenen, angeleitet vom kommunistischen Widerstand, ließen sich aber nicht mehr ins Verderben führen und rebellierten. Es gelang Ihnen, die restlichen Wärter zu überwältigen und die weiße Fahne der Kapitulation zu hissen.

Um 15.15 Uhr übernahmen die Häftlinge der Widerstandsbewegung im Konzentrationslager die Kontrolle über den Haupteingang und öffneten das Lagertor für die anrückenden amerikanischen Panzer. Diesen Moment der Lagerübernahme durch die Gefangenen symbolisiert nun große die Uhr am Haupteingang. Als Erinnerung und Mahnung für künftige Generationen wurde die Uhr auf 15.15 Uhr fixiert. Diese Uhrzeit steht nun in Buchenwald als Chiffre für die Übernahme des Lagers durch die Gefangenen und damit auch für die Rückkehr der Menschlichkeit und Humanität an diesen einst trostlosen Ort namens KZ-Buchenwald.

Auf der Rückfahrt zu unserem Hostel war es auffallend ruhig und alle versuchten, das Erlebte für sich zu verarbeiten.

Am nächsten Tag, es war schon der Donnerstag, fand sozusagen ein Kontrastprogramm zu Buchenwald statt. Wir wandelten auf den Spuren von Goethe und Schiller, besuchten die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, und als Abschluss dann auch noch das Haus der Weimarer Republik. Dort erfuhren wir viele Hintergründe zu der ersten Demokratie auf deutschem Boden und ihrem Niedergang. Viele Schüler wunderten sich, wie schnell eine Republik in eine Diktatur münden konnte oder erkannten gar Parallelen zwischen der Weimarer Republik und der aktuellen politischen Situation.

Am Freitag ging es dann schon wieder nach Hause. Die Rückfahrt sollte sich als überlang entpuppen, denn an der Strecke zwischen Düsseldorf und Köln brannten die Böschungen, sodass die Strecke gesperrt wurde. Nach einer langen Odyssee kamen wir erst gegen Mitternacht im Jülicher Land an. Für uns war es die längste Bahnfahrt unseres Lebens.

Was jedoch unsere Schüler und Schülerinnen für die Zukunft sicherlich viel mehr prägen wird, ist, dass sie die Höhen und Tiefen der Deutschen Geschichte hautnah erleben durften. Von Goethe und Schillern, den Klassikern der deutschen Geistesgeschichte und der von ihnen propagierten Idee des „Wahren, Schönen und Guten“ über die erste deutsche Demokratie und all ihren sozialen und politischen Errungenschaften zur Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Das alles konnten sie wie in einem Brennglas gebündelt in Weimar auf engstem Raume studieren. Das einschneidendste Erlebnis dieser Weimarfahrt wird jedoch der mit nichts zu vergleichende Besuch eines Konzentrationslagers, in unserem Fall von Buchenwald, bleiben. Buchenwald wird unsere Gruppe ein Leben lang in unterschiedlichem Maße begleiten und als moralischer Kompass immer daran erinnern, wozu Menschen fähig sind.

Als Zeichen der Hoffnung und das die Menschen aus der Geschichte lernen, haben wir am Ende unserer Buchenwaldexkursion dieses Gruppenbild am Denkmal für die verfolgten Völker erstellt.

Nadia Haupt und Isa Abdel-Fattah begleiteten unsere Schülerinnen und Schüler bei der ersten Gedenkstättenfahrt der Sekundarschule Jülich und verfassten diesen Reisebericht.